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Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort

Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort

Ich sehe das Land, dachte Fergus. Mit deinen Augen. Siedlungen, Rinder, Felder. Es ist kalt. Und irgendwo dort unten liegt der See. Wenn die Wolken wandern, kann man ihn gerade noch erkennen. Und es ist schön, eine Schönheit, an der man erst Gefallen finden muss. Eine Schönheit, die man erst im Laufe eines Lebens begreift. Nordirland, 1981. Es ist Sommer und Fergus küsst Cora, das Mädchen aus Dublin. Und er fragt sich: Warum tut die ganze Welt eigentlich nicht genau dieses, immerzu? Es ist Sommer und Fergus lebt in Drumleash, Nordirland. Es ist der Sommer der Unruhen, des Hasses, der Gewalt, des Hungerstreiks. Und Fergus ist hier zu Hause. Ab 14 Jahren.
 
Quelle: 1000 und 1 Buch (http://www.1001buch.at/);
Autor: Thomas Mayerhofer;
Annotation: Die Geschichte eines Heranwachsenden inmitten des Nordirland-Konflikts, der sich wie ein Riss durch die eigene Familie und das eigene Leben zieht.
Rezension: Niemand sucht sich aus, wo er geboren wird. Und wäre es so, niemand würde sich freiwillig für Drumleash entscheiden, ein Nest in Irland, an der Grenze zwischen Nord und Süd. Deshalb will Fergus auch weg, sobald er seine Abschlussprüfungen bestanden hat. Doch je näher er diesem Ziel kommt, umso fester scheint ihn dieses Tal der Tränen, seine Heimat, zu packen.
Alles beginnt, lange bevor die Romanhandlung einsetzt. Einige Jahre zuvor wird Fergus' Bruder als IRA-Mitglied wegen eines Anschlags verhaftet. Nun tritt er in einen selbstmörderischen Hungerstreik um die Anerkennung als politischer Gefangener. Noch früher beginnt die Geschichte von Mel, dem Mädchen aus dem Moor, das vor fast 2000 Jahren starb. Von Fergus zufällig entdeckt, lässt sie ihn nicht mehr los, fesselt seine Gedanken an ihr Schicksal und das ihrer Sippe. Ihm und den LeserInnen wird klar, dass diese ferne Vergangenheit uns so nah ist wie der Wahnsinn unserer eigenen Welt. Dass wir gerne annehmen, die Menschen früher seien primitiv und unzivilisiert gewesen, weil wir ihre Beweggründe nicht verstehen. Dabei verstehen wir nicht einmal unsere eigenen.
"Genau das ist Geschichte. Eine Warnung an jeden von uns. Nur dass wir meist nicht darauf hören." Fergus fragt nicht danach, wer diesen blutigen Kampf begonnen hat, er fragt sich nur, wann es aufhören wird - es gibt keine Antwort. "Alter Groll, der von Generation zu Generation weitergetragen wird." Wie schon vor zweitausend Jahren, unter anderen Bedingungen, anderen Menschen, anderen Göttern.
Die besondere Stärke dieses großartigen Romans besteht im kaleidoskopartigen Gefüge aus Personen und Handlungssträngen, die immer wieder durcheinanderwirbeln und ständig neue Bilder, neue Perspektiven auf dieses Land, die Menschen und deren Konflikte erzeugen. Und so scheint es auch nur, als sei am Schluss des Romans endlich das eine, wahre Bild eingefangen. Was die Zukunft diesem Land bringen wird? "Zellen würden vergehen und neu entstehen. Neue Orte und Gesichter würden sich dicht an dicht zu den alten gesellen." Das Rad des Ixion steht nicht still.
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Quelle: bn.bibliotheksnachrichten