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Dörte Hansen, Altes Land

Dörte Hansen, Altes Land

Dieser Roman handelt von Flüchtlingen, Einsamkeit, Zerstörung von Illusionen und dem "idyllischen" Landleben im Allgemeinen. Ein altes Haus spielt eine tragende Rolle, ein Haus, das die Schicksale vieler Generationen erlebt hat und tief in seine Mauern und sein Gebälk eingesogen hat.
Hildegard von Kamcke ist mit ihrer achtjährigen Tochter auf der Flucht aus Ostpreußen vor der Roten Armee und landet in dem alten Bauernhaus von Ida Eckhoff im Alten Land (westlich von Hamburg). Die Landschaft ist bekannt für ihren Obstanbau und auch der Bauernhof der verwitweten Ida hat viele Apfel- und Kirschbäume. Als Flüchtling nur geduldet, schuftet die stolze Hildegard trotzdem auf dem Hof. Als der stark traumatisierte Sohn Idas, Karl, aus dem Krieg heimkehrt, gewinnt sie sein Herz. Diese stolze Frau aus Ostpreußen als Schwiegertochter unter ihrem Dach zu haben, ist zu viel für Ida Eckhoff. Eines Tages wird man sie auf dem Dachboden finden, aufgeknüpft an eine Wäscheleine, wie beim Tanzen eingeschlafen. Hildegard hält es nicht lange auf dem Land. Zusehr ist das Leben dort unter ihrem Niveau. Schon bald wird sie sich mit einem reichen Architekten nach Hamburg aufmachen und ihre Tochter Vera bei Karl zurücklassen. Vera, die Einserschülerin, das Flüchtlingskind, das sonderbare Mädchen, dass nur in Unterwäsche bekleidet einfach mal so in die Elbe springt, bringt es zur Zahnärztin und eröffnet eine Praxis im Dorf. Sie kümmert sich um ihren Stiefvater, der immer wunderlicher wird und stark unter den traumatischen Belastungen des Krieges leidet.
Hildegard bekommt eine weitere Tochter, Marlene. Marlene kennt ihre Mutter, aber weiß nichts über Hildegard von Kamcke aus Ostpreußen. Trotzdem leidet sie unter der zur Schau getragenen Gefühlskälte der Mutter, dem Stolz und dem Zwang immer den Kopf nach oben zu tragen. Ihren Kindern Thomas und Anna wird es ähnlich gehen. Erst wird Anna zum Wunderkind am Piano erzogen, dann ist es Thomas, das wahre Musikgenie der Familie und Anna wird hintangestellt. Anna flüchtet vor ihrer Familie in eine Tischlerlehre und eine Beziehung zu einem beliebten Krimischriftsteller. Bald bekommen sie einen kleinen Sohn, Leon, doch das Leben in Hamburg-Ottense erträgt Anna kaum. So wenig kann sie sich mit den bewussten Muttis identifizieren, deren Kinder an Demeter-Reiswaffeln kauen und von Frühförderung zu Frühförderung hetzen. Als Anna bemerkt, dass ihr Freund sie betrügt, flieht sie zu Vera aufs Land. Dort treffen zwei Frauen aufeinander, die beide immer noch unter den Spätfolgen der Flucht leiden, unter Gefühlskälte, unter Bindungsangst. Anna will als Tischlerin das alte Haus Veras wieder "schier" machen. Vera braucht lange, um das wirklich zu zulassen. Genauso lange braucht Anna, um sich von ihren Ängsten zu befreien.
Geschmückt ist die Geschichte um Anna und Vera mit herrlich komischen Szenen über das Landleben, über die Illusionen der Städter, die meinen, alles besser zu wissen, als die alteingessenen Bauern und die schließlich daran verzweifeln.
Die Sprache ist wunderschön poetisch, arbeitet mit vielen Bildern, die manchmal ungewöhnlich, aber doch sehr eindrücklich sind. Für mich ist dieses Buch DAS MUST-READ des Jahres 2015 und ich lege es euch dringend ans Herz und auf den Büchertisch.