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Neue Medien - Belletristik

Eines Nachts schlägt der Blitz in das Haus der Familie Malaquias ein. Die Kinder Julia, Nico und Antonio schlafen friedlich weiter - doch ihre Eltern stehen nie wieder auf. Julia und Antonio kommen in ein Waisenhaus. Nico, der ältere Bruder, bleibt auf dem Land als Handlanger in einer Fazenda. Ihre Wege trennen sich, doch eine geheime Anziehungskraft treibt sie Jahre später zum Ort ihrer ersten Geborgenheit zurück, dem Haus in der Serra Morena. Noch einmal brechen die Geschwister zu neuen Ufern auf, in der Hoffnung in einem neuen Leben zusammenzukommen. Andréa del Fuegos Debütroman ist von einmaliger poetischer Schönheit. Eine magische Geschichte aus Brasilien, die ins Herz der Gegenwart trifft.

Voller Verve, Witz und Herzenswärme erzählt Vea Kaiser von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel, von drei Schwestern, die ein Geheimnis wahren, von Bärenforschern, die die Zeit anhalten möchten, und von den Seelen der Verstorbenen, die uns begleiten, ob wir wollen oder nicht.
Als Onkel Willi stirbt, stehen der Drittel-Life-Crisis geplagte Lorenz und seine drei Tanten vor einer Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro begraben werden. Doch da für eine regelkonforme Überführung der Leiche das Geld fehlt, begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Panda von Wien Liesing bis zum Balkan. Auf der 1029 Kilometer langen Reise finden die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander.
Mirl, die Älteste der Schwestern, muss nach dem Krieg schon früh Verantwortung übernehmen und will nur weg aus dem elterlichen Gasthof, weg vom Land. Doch weder die Stadt noch ihre Ehe entwickeln sich so, wie sie es sich erträumte. Wetti interessiert sich bereits als Kind mehr für Tiere als für Menschen. Als Putzfrau im Naturhistorischen Museum kennt sie die Präparate der Sammlungen bald besser als jeder Kurator, und als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter schockiert sie die Wiener Gesellschaft. Und Hedi, die Jüngste im Bunde, lernt Willi zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben kennen, an dem sie mit selbigem fast schon abgeschlossen hat. Denn die drei Schwestern haben in jungen Jahren einen schweren Verlust erlitten. Und sie alle geben sich die Schuld daran.

Jede Familie hat ein Geheimnis

Barbara und ihr 15jähriger Sohn Tore leben in Berlin. Barbara hat sich von ihrem Ehemann getrennt und hat nun auch noch ihren Job in einem Museum verloren. Als die Nachricht kommt, dass ihr Vater im Sterben liegt, muss sich Barbara ihrer Vergangenheit stellen, die sie durch den Umzug in die Hauptstadt hinter sich gelassen hat.

Wieder daheim muss sie wieder mit den alten Bekannten und Freunden umgehen, alte Freundschaften pflegen und Feindschaften ruhen lassen, aber was noch mehr zählt, mit ihrem Bruder Kristian, einem fast autistisch anmutenden Tierarzt, über den Vater und somit über ihre Kindheit sprechen.
Nach und nach werden die dunklen Geschichten wieder ans Tageslicht gebracht. Tore ist verwirrt und enttäuscht, als er von einem weiteren Bruder erfährt, der seit 40 Jahren aus dem Leben der Familie verbannt wurde. Er will sich allein auf die Suche nach seinem Onkel machen, er braucht dringend jemandem, zu dem er als Vater aufschauen kann, zumindest hatte ich den Eindruck.
Die erste Begegnung wird dank Tores Freund David fast zum Desaster. David und seine Freunde sind nicht gerade zimperlich im Umgang mit Menschen und im Einhalten von Gesetzen. Tore ist auch dadurch etwas verwirrt, lässt sich aber sehr schnell in die kriminellen Machenschaften hineinziehen.
Karen versucht sich über den Sommer in ihrer Heimatgemeinde soweit einzurichten, dass sie mit ihrem Sohn versorgt ist. Ein Job im Museum bietet sich an und auf einmal ist sie die gefragte Künstlerin aus der Stadt. Mit ihrer ehemaligen Freundin Karen lässt sie fast die Vergangenheit wieder aufleben, merkt aber schnell, dass ein schönes weißes Tuch über die Schattenseite der ländlichen Idylle gelegt wurde. Und dann ist da noch Karens Mann Milan.
Dieser Roman ist sehr vielschichtig geschrieben und spricht viele unterschiedliche Themen (Massentierhaltung, Antibiotikamissbrauch, Jugendkriminalität...) an. Gleichzeitig ist er eine tiefgründige Beschreibung eines Familiendramas. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Traumata der Elterngeneration noch weit in die Kindergeneration hineinwirken können.
Ich gebe eine ganz klare Leseempfehlung und 5 Sterne!
Lisa Klein hat in ihrem Roman "Ich, Ophelia" eine sehr interessante Idee verfolgt und umgesetzt: Was wäre, wenn Ophelia (aus Shakespeares Drama Hamlet) doch nicht ins Wasser gegangen wäre?
 
Die Shakespeare-Expertin zeigt in ihrer Geschichte um das dänische Königshaus ein umfassendes Hintergrundwissen, flicht shakespeareske Maskeraden in die Geschichte ein und bedient sich zeitweilig auch der Sprache.
 
Die Geschichte wird aus Ophelias Sicht geschrieben. Sie beginnt mit ihrer Kindheit und ihrer Ankunft am dänischen Königshof in Helsingör. Schon als junges Mädchen verliebt sie sich in den wagemutigen Königssohn, der jedoch stets zwei Gesichter zu haben scheint. Sie genießt eine höfische Erziehung und wird auch in die Kräuterkunde eingeweiht.
Der Mittelteil behandelt das bekannte Drama um Hamlet und den Königsmord. Schon hier habe ich angefangen, Ophelia irgendwie aus den Augen zu verlieren, ihre Gefühle und Beweggründe nicht wirklich schlüssig nachvollziehen zu können. Von einer Geschichte, die aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde, habe ich mir mehr erwartet.
Dann nimmt der Roman diese unerwartete Wendung, mit der ich mich persönlich schwer getan habe. Es war mir schlichtweg an manchen Stellen zu langatmig, ausschweifend. Dinge wurden erwähnt, die meiner Meinung nach nichts zum Gelingen dieser Geschichte beigetragen haben und auch das Ende hat mir leider nicht gefallen - aber das ist natürlich Geschmackssache.
Außerdem fand ich ein paar Mängel in der Übersetzung. Hätte man nicht für "ich bin dein Jack und du meine Jill" nicht ein deutsches Äquivalent finden können?
Es wird mit Blumensymbolik gespielt, die ich noch nie so gehört habe und dann an anderer Stelle wieder anders verwendet wurde - oder mir entzog sich an dieser Stelle das Verstehen, wer weiß. Wenn in Dänemark Lavendel und Rosmarin blüht, fange ich ebenfalls an zu grübeln.

Insgesamt hätte ich mir mehr erwartet. Deswegen vergebe ich nur drei Sterne für diesen Roman.

Der neueste Roman von Alex Capus, Königskinder, hinterlässt nach dem Lesen ein wohliges Gefühl. Er macht Hoffnung und schenkt Vertrauen, dass doch (noch) alles gut werden kann, und das nicht nur in Bezug auf Liebesbeziehungen.  Alex Capus beschreibt seine Intentionen so: " So viel Vertrauen, Beharrlichkeit, Loyalität und Treue finde ich ungemein tröstlich in einer Zeit, in der Ehen schon online übers Internet mit ein paar Klicks geschieden werden können."
Max und Tina, bereits 26 Jahre zusammen, werden auf einem einsamen Schweizer Bergpass im Auto eingeschneit. Die Beziehung zwischen den beiden ist schwierig. Zwar stimmen sie in den großen Dingen stets überein, aber in den kleinen können sie sich unablässig streiten, ob es nun das vorzeitige Einschalten der Scheibenwischer ist oder der Gebrauch von Fahrradhelmen. Trotzdem sind sie ein Paar, haben einander gefunden, obwohl es manchmal unerklärlich ist, warum gerade diese Person der oder die richtige für einen ist.  Max erzählt TIna zum Zeitvertreib bis zum Eintreffen des Schneepflugs im Morgengrauen eine Geschichte:
Jakob und Marie, zwei Bauernkinder im Greyerzerland zu Beginn der französichen Revolution, verlieben sich ineinander, können aber wegen des Widerstandes von Maries Vater nicht heiraten. Jakob und Marie bleiben beharrlich, ja schon fast stur, sogar als Jakob in die französische Armee eintritt, bleiben sie sich treu. Auf Befehl des französischen Königs wird Jakob auf den "Puppenstuben-Bauernhof" seiner Schwester Elisabet in Montreuil angestellt, um sich dort um die Schweizer Milchkühle zu kümmern. Es ist der Vorabend der französischen Revolution und man erkennt bereits den dekadenten Verfall des Adels und des großen "Scheißhauses" Versailles, das sogar die Kühe wegen des schlimmen Gestankes meiden. Elisabeth bemerkt Jakobs Einsamkeit und lässt Marie kommen. Doch dann bricht die Revolution aus.
Alex Capus erzählt mit einer scheinbar mühelosen Leichtigkeit diese beiden Geschichten. Wie auch schon bei den "13 wahren Geschichten" schafft er es, historische Tatsachen so zu erzählen, dass sie lebendig erscheinen und man den Bezug zur Gegenwart erkennt. Dabei ist er humorvoll, philosophisch und weise und begleitet den Leser und die Leserin ein Stück, um sich dann am Schluss zufrieden zurückzulehen und zu sagen" Na also. Geht doch".

Augenzwinkernd und ausgesprochen witzig erzählt Capus – nach sorgfältigem Quellenstudium – von skurrilen Helden und abenteuerlichen Wechselfällen eidgenössischer Geschichte.

Im Stil alter Chroniken erzählt Capus, distanziert und leise belustigt, von kauzigen Patrioten, freundlichen Spinnern und glücklosen Erfindern, von mutigen Auswanderern, rauflustigen Söldnern und liebenswerten Betrügern – radikale Individualisten allesamt, deren Widerstand gegen jede Form der Fremdherrschaft sich in höchst unterschiedlichen unerhörten Begebenheiten ausdrückt.
Ein Blick in den Anhang des Buches zeigt: all diese skurrilen Geschichten scheinen wahr zu sein. Auf der Basis von Dokumentationen, akademischen Untersuchungen und Zeitzeugenberichten entwirft Capus seine historischen Miniaturen – Episode um Episode entsteht so eine Art Anti-Hausbuch von vierhundert Jahren schweizerischer (Kultur-) Geschichte: mit anachronistischem Gestus wird landläufiger Patriotismus gegen den Strich gebürstet, mit frohlockender Lust am zivilen Ungehorsam seiner Helden stellt Capus sich in die Tradition Gottfried Kellers, der vor hundert Jahren mit seinen Zürcher Novellen dem Biedersinn seiner Landsleute schon einmal einen kritischen Spiegel vorgehalten hat. Und gleichzeitig führt er uns vor Augen, an welch ungewöhnlichen Schicksalen Menschen wachsen oder zugrunde gehen.

Inhalt:

- Ein Schweizer Rasputin in Teheran
- Der Spuk von Stans
- Der ungehorsame Soldat Max Waibel
- Abenteuer Nova Friburgo
- Der Verrat von Novara
- Goldrausch in Solothurn
- Géo Chavez – Der erste Mensch über den Alpen
- Gottes Zorn im Bündnerland
- Das schnelle Leben des Louis Chevrolet
- Die Wasserfallenbahn
- Die böse Fasnacht zu Basel
- Die drei Tellen

Wer die Welt verstehen will, muss mit eigenen Augen sehen lernen. EIne neue außergewöhnliche Reise vom Autor des Alchimnisten und Auf dem Jakobsweg.

Als der rebelleische junge Paulo und die Holländerin Karla sich 1970 in Amsterdam begegnen,trifft sie die Liebe wie ein Blitz. Sie beschließen, gemeinsam aufzubrechen undim "Magic Bus" auf dem Hippie-Trail Erfahrungenzu sammeln. Mit an Bord: eome Gruppe Gleichgesinnter sowie die Musik, die damals die Welt aus den Angeln hob. Die jungen Menschen suchen nach neuen Werten für ihr Leben - egal, was andere sagen.

Denn nur ein gelebter Traum hat die Kraft, alle Grenzen zu überwinden.

Zur größten Brücke der Welt reisen, sich ein Tattoo stechen lassen, die Flügel ausbreiten und losfliegen …
Eine Schachtel voller Träume hält Maggie in den Händen. Doch es sind nicht ihre eigenen. Sie gehören Lucy, dem Mädchen, dessen Herz in Maggies Brust schlägt. Als Trägerin eines Spenderherzens weiß sie, dass Zeit ihr kostbarstes Gut ist. Und so macht sie sich daran, Lucys Träume zu erfüllen. Womit sie nicht gerechnet hat: Lucy macht ihr ein weiteres Geschenk: den Mut, jeden Tag wie den letzten zu leben.

Zehn Jahre lang hat sich Carl-Johann Gustafsson (81) von seiner Familie zurückgezogen ? das soll sich jetzt ändern. Gemeinsam mit der Familie will er Weihnachten auf seinem Landgut feiern, wie früher. Seine Kinder und Enkelkinder folgen der Einladung nur widerwillig, denn die Familienbande existieren schon lange nicht mehr. Aber niemand will etwas verpassen, und womöglich wird ja das Erbe verteilt ... Am Ende kommt es dann ganz anders als gedacht, doch glücklicherweise haben die gute Seele des Hauses, Diener Alfred, und der Weihnachtsmann höchstselbst ihre Finger im Spiel.

In einem bayerischen Dorf wird im Jahr 1957 im dunklen Moor ein Sarg mit der Leiche einer jungen Frau gefunden. Was hatte sie verbrochen, um so unchristlich und abseits von der Gemeinde begraben zu werden?
Im Jahr 939 wachsen die Freundinnen Afra und Richlint im harten Bauernleben des Dorfes Pitengouua auf. Ungarische Krieger überfallen das Dorf, morden und plündern. Während die Dorfbewohner mühsam den Weg in den Alltag zurücksuchen, gibt allein die Heilerin Justina den Mädchen Halt und Trost. Doch weder Afra und Richlint noch die Menschen aus ihrem Dorf können sich den Machtkämpfen zwischen Adel, Kirche und aufständischer Landbevölkerung entziehen. Während Afra durch den Mann, dem sie zur Frau gegeben wird, Liebe und Mutterglück findet, muss Richlint, die Tochter einer Sklavin, einen dramatischen Kampf um Freiheit und ihre große Liebe zum Ungarnführer Arpad fechten.
Auf dem Lechfeld bei Augsburg entscheidet sich im Jahr 955 nicht nur die Zukunft Bayerns, sondern auch der Lebensweg der jungen Frauen. Wird Afra ihrer unfreien Freundin bis zur letzten Entscheidung beistehen?

Ein Haus an den Klippen. Eine schicksalhafte Liebe. Ein Mädchen auf der Suche nach seiner Mutter

Mit gebrochenem Herzen sucht die Bildhauerin Grania Ryan Zuflucht in ihrer irischen Heimat. Bei einem Spaziergang an der Steilküste von Dunworley Bay wird Grania jäh aus ihren trüben Gedanken gerissen: Am Rande der Klippen steht ein Mädchen, barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet. Der Wind zerrt an der zerbrechlichen Gestalt, und von plötzlicher Sorge ergriffen spricht sie das Kind an. – Ohne es zu ahnen, stößt Grania durch diese Begegnung die Tür zu einer über Generationen reichenden, tragischen Familiengeschichte auf – ihrer Geschichte.

Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch – eine literarische Tour de force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.

Tadunos Lied ist das Erstlingswerk des nigerianischen Journalisten Odafe Atogun.
Zunächst fällt der einfache Sprachstil auf, der mich gerade deswegen sehr berührt hat. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, mir würde die Geschichte von einem alten Mann an einem Lagerfeuer erzählt werden. Die märchenhaften Elemente, der gute Held, der böse Tyrann, unterstreichen dies noch.
Die Geschichte spielt in Nigeria, der genaue Zeitpunkt ist unklar, aber so etwa in den 1990er Jahren. Nigeria wird von einem grausamen, aber charmanten und "konzilianten" Tyrannen beherrscht. Die Bevölkerung lebt in Angst und Schrecken, der Geheimdienst lauert an jeder Ecke. Der berühmte Sänger, dessen Lieder durch seine bezaubernde Stimme und die wunderschönen Klänge seiner Gitarre bis in die Herzen dringen, ist im Exil. Er hat es übertrieben mit der Kritik am tyrannischen Regime. Da erreicht ihm auf wundersame Weise ein Brief seiner Freundin Lela. Sie wurde vom Geheimdienst verschleppt und ihr droht nun der Tod, wenn nicht er, Taduno, dem Tyrannen ein Loblied sänge. Natürlich eilt Taduna zurück in sein Land, versucht seine alten Freunde wiederzufinden, zu erfahren, was mit Lela passiert ist, doch seltsamerweise erkennt ihn niemand. Da seine Stimme durch die erlittenen Folterungen beschädigt ist, kann er sich auch so nicht zu erkennen geben. Allein die Melodien, die er auf seiner Gitarre spielt, erreichen die Herzen der Menschen und nur so kann er sich ausdrücken. Es folgt ein Katz und Maus-Spiel mit dem Geheimdienst, Gespräche mit dem Tyrannen und dann der Deal: Taduno soll innerhalb von vier Wochen einen Hit schreiben, um den Tyrannen zu loben, sonst würde seine Freundin Lela sterben. Wie weit geht Taduno für seine Liebe?
Mich hat diese Geschichte zum Nachdenken angeregt. Wie weit würde ich gehen? Würde ich meine Liebe zu einer Person über das Wohl von einer Bevölkerung stellen? Es lohnt sich, sich auf diesen neuen afrikanischen Autor einzulassen.

Dieser Roman handelt von Flüchtlingen, Einsamkeit, Zerstörung von Illusionen und dem "idyllischen" Landleben im Allgemeinen. Ein altes Haus spielt eine tragende Rolle, ein Haus, das die Schicksale vieler Generationen erlebt hat und tief in seine Mauern und sein Gebälk eingesogen hat.
Hildegard von Kamcke ist mit ihrer achtjährigen Tochter auf der Flucht aus Ostpreußen vor der Roten Armee und landet in dem alten Bauernhaus von Ida Eckhoff im Alten Land (westlich von Hamburg). Die Landschaft ist bekannt für ihren Obstanbau und auch der Bauernhof der verwitweten Ida hat viele Apfel- und Kirschbäume. Als Flüchtling nur geduldet, schuftet die stolze Hildegard trotzdem auf dem Hof. Als der stark traumatisierte Sohn Idas, Karl, aus dem Krieg heimkehrt, gewinnt sie sein Herz. Diese stolze Frau aus Ostpreußen als Schwiegertochter unter ihrem Dach zu haben, ist zu viel für Ida Eckhoff. Eines Tages wird man sie auf dem Dachboden finden, aufgeknüpft an eine Wäscheleine, wie beim Tanzen eingeschlafen. Hildegard hält es nicht lange auf dem Land. Zusehr ist das Leben dort unter ihrem Niveau. Schon bald wird sie sich mit einem reichen Architekten nach Hamburg aufmachen und ihre Tochter Vera bei Karl zurücklassen. Vera, die Einserschülerin, das Flüchtlingskind, das sonderbare Mädchen, dass nur in Unterwäsche bekleidet einfach mal so in die Elbe springt, bringt es zur Zahnärztin und eröffnet eine Praxis im Dorf. Sie kümmert sich um ihren Stiefvater, der immer wunderlicher wird und stark unter den traumatischen Belastungen des Krieges leidet.
Hildegard bekommt eine weitere Tochter, Marlene. Marlene kennt ihre Mutter, aber weiß nichts über Hildegard von Kamcke aus Ostpreußen. Trotzdem leidet sie unter der zur Schau getragenen Gefühlskälte der Mutter, dem Stolz und dem Zwang immer den Kopf nach oben zu tragen. Ihren Kindern Thomas und Anna wird es ähnlich gehen. Erst wird Anna zum Wunderkind am Piano erzogen, dann ist es Thomas, das wahre Musikgenie der Familie und Anna wird hintangestellt. Anna flüchtet vor ihrer Familie in eine Tischlerlehre und eine Beziehung zu einem beliebten Krimischriftsteller. Bald bekommen sie einen kleinen Sohn, Leon, doch das Leben in Hamburg-Ottense erträgt Anna kaum. So wenig kann sie sich mit den bewussten Muttis identifizieren, deren Kinder an Demeter-Reiswaffeln kauen und von Frühförderung zu Frühförderung hetzen. Als Anna bemerkt, dass ihr Freund sie betrügt, flieht sie zu Vera aufs Land. Dort treffen zwei Frauen aufeinander, die beide immer noch unter den Spätfolgen der Flucht leiden, unter Gefühlskälte, unter Bindungsangst. Anna will als Tischlerin das alte Haus Veras wieder "schier" machen. Vera braucht lange, um das wirklich zu zulassen. Genauso lange braucht Anna, um sich von ihren Ängsten zu befreien.
Geschmückt ist die Geschichte um Anna und Vera mit herrlich komischen Szenen über das Landleben, über die Illusionen der Städter, die meinen, alles besser zu wissen, als die alteingessenen Bauern und die schließlich daran verzweifeln.
Die Sprache ist wunderschön poetisch, arbeitet mit vielen Bildern, die manchmal ungewöhnlich, aber doch sehr eindrücklich sind. Für mich ist dieses Buch DAS MUST-READ des Jahres 2015 und ich lege es euch dringend ans Herz und auf den Büchertisch.

Krishna Mustafa wird von seiner Freundin Laura verlassen. Angeblich soll er erstmal seine Identität suchen und finden. Krishna lebt mit seiner deutschen Mutter in Freiburg, lebte aber bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Istanbul. Nun ist er dort zurückgekehrt um nach seinen Wurzeln zu forschen. Doch, wenn du wissen willst, was ein Wald ist, fragst du dann die Bäume oder die Vögel? Mit solchen Fragen ist Krishna konfrontiert, als er versucht, das Leben in Istanbul zu verstehen. Sein Cousin Emre zieht derweil nach Freiburg in Krishnas WG-Zimmer. Beide machen kulturelle Grenzerfahrungen.
Zunächst einmal hat mich die Naivität, um nicht zu sagen Dummheit, von Krishna Mustafa irritiert. Doch mit dieser Haltung erfährt er ganz viel über die Türkei und ihre Bewohner. Durch eine Verkettung von unglückseligen Umständen wird er sogar von einem Journalisten zu einem Dschihadisten gemacht. Ich habe viel über die Gezi-Parkdemonstrationen und die Haltung der jungen Türken zu Erdogan erfahren. Im Text sind immer wieder sehr schöne Gedanken eingestreut, die dieses Buch noch lange nachhallen lassen. Die naive Haltung Krishnas wird immer wieder durch die eingeschobenen Kapitel des Chors der Einäugigen konterkariert. Nicht alles davon konnte ich als Nichttürkin verstehen, lachen musste ich trotzdem.
Ein sehr zu empfehlendes Buch für Deutsche UND Türken und alle, die nicht in Schubladen denken wollen.

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